Strom kostet an der Börse nicht zu jeder Stunde gleich viel. An einem sonnigen und windreichen Nachmittag können die Großhandelspreise deutlich niedriger liegen als am frühen Abend, wenn die Photovoltaikerzeugung zurückgeht und gleichzeitig der Verbrauch steigt. In einzelnen Situationen können Börsenpreise sogar unter null fallen.
Hinter diesen Schwankungen steckt kein willkürliches Preissystem. Elektrische Energie besitzt eine Besonderheit, die den Markt grundlegend prägt: Erzeugung und Verbrauch müssen im Stromsystem fortlaufend weitgehend im Gleichgewicht gehalten werden.
Der kurzfristige Stromhandel hilft dabei, Erzeugung und Nachfrage bereits vor der tatsächlichen Lieferung zusammenzuführen und Prognoseabweichungen möglichst kurzfristig auszugleichen. Dabei spielen vor allem der Day-Ahead- und der Intraday-Markt eine zentrale Rolle.
Strom ist eine besondere Handelsware
Bei vielen Produkten ist es möglich, Produktionsüberschüsse zunächst einzulagern und später zu verkaufen. Bei elektrischer Energie funktioniert das nur eingeschränkt.
Batteriespeicher, Pumpspeicherkraftwerke und andere Speichertechnologien können zwar Energie zeitlich verschieben. Im Verhältnis zum gesamten Stromverbrauch lässt sich das Stromsystem jedoch nicht wie ein großes Warenlager behandeln.
Zu jedem Zeitpunkt muss deshalb dafür gesorgt werden, dass Einspeisung und Entnahme zusammenpassen.
Genau diese physikalische Anforderung macht kurzfristige Strommärkte notwendig.
Stromhändler, Energieversorger, Kraftwerksbetreiber und weitere Marktteilnehmer versuchen bereits vor der Lieferung einzuschätzen, wie viel elektrische Energie zu bestimmten Zeiten benötigt und erzeugt wird.
Der Day-Ahead-Markt plant den nächsten Tag
Ein wichtiger Teil des kurzfristigen Handels findet am sogenannten Day-Ahead-Markt statt.
Wie der Name bereits ausdrückt, wird dabei Strom für den folgenden Tag gehandelt.
Marktteilnehmer geben Kauf- und Verkaufsgebote ab. Vereinfacht gesagt treffen anschließend Stromangebot und Stromnachfrage aufeinander. Daraus entstehen Marktpreise für definierte Lieferperioden.
Das Ergebnis zeigt, wie viel Strom Marktteilnehmer zu welchen Preisen für den nächsten Tag kaufen beziehungsweise verkaufen wollen.
Dieser Mechanismus ist wichtig, weil zu diesem Zeitpunkt bereits relativ gute Prognosen vorliegen.
Energieversorger können ihren erwarteten Verbrauch abschätzen. Betreiber von Wind- und Solaranlagen verfügen über aktuelle Wetterprognosen. Kraftwerksbetreiber kennen die geplante Verfügbarkeit ihrer Anlagen.
Trotzdem bleibt jede Planung mit Unsicherheiten verbunden.
Wetter beeinflusst das Stromangebot unmittelbar
Mit dem Ausbau von Windkraft und Photovoltaik ist die Wetterlage für den Strommarkt noch wichtiger geworden.
Scheint die Sonne stärker als erwartet, können Photovoltaikanlagen mehr Strom erzeugen. Ähnliches gilt für Windenergie bei günstigen Windverhältnissen.
Dadurch steigt das verfügbare Angebot.
Bei gleichbleibender Nachfrage kann ein höheres Stromangebot den Börsenpreis drücken. Fallen Wind- und Solarstromerzeugung dagegen geringer aus, müssen andere Erzeugungsanlagen stärker einspringen.
Entscheidend ist jedoch nicht allein, wie viel erneuerbare Energie insgesamt an einem Tag erzeugt wird. Relevant ist auch, zu welchem Zeitpunkt sie verfügbar ist.
Photovoltaikanlagen produzieren naturgemäß vor allem tagsüber. Der Stromverbrauch erreicht jedoch nicht zwingend zur gleichen Zeit sein Maximum.
Dadurch kann es innerhalb eines Tages erhebliche Preisunterschiede geben.
Warum der Abend oft anders aussieht als der Mittag
Ein typischer Zusammenhang lässt sich an sonnigen Tagen beobachten.
Um die Mittagszeit speisen viele Photovoltaikanlagen gleichzeitig Strom ein. Das Angebot kann dadurch hoch sein.
Am Abend geht die Solarstromproduktion zurück. Gleichzeitig steigt in vielen Haushalten der Stromverbrauch, weil Menschen nach Hause kommen, kochen oder elektrische Geräte nutzen.
Damit verändert sich das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage.
Müssen in dieser Zeit zusätzliche Kraftwerke eingesetzt werden, deren Erzeugung höhere variable Kosten verursacht, kann sich das auch im Marktpreis widerspiegeln.
Das erklärt, warum ein Tagesdurchschnitt nur einen begrenzten Eindruck vom kurzfristigen Strommarkt vermittelt.
Innerhalb derselben 24 Stunden können sehr unterschiedliche Marktbedingungen herrschen.
Der Spotmarkt besteht nicht nur aus einem Markt
Wenn von Strom am Spotmarkt gesprochen wird, sind damit kurzfristige Handelssegmente gemeint. Besonders bedeutend sind Day-Ahead- und Intraday-Handel.
Der Day-Ahead-Handel schafft eine wesentliche Planungsgrundlage für den Folgetag.
Danach verändert sich die Situation jedoch weiter.
Neue Wetterprognosen treffen ein. Kraftwerke können unerwartet ausfallen. Der Verbrauch entwickelt sich anders als angenommen. Wind- oder Solarstromproduktion weichen von der Vorhersage ab.
Dann kommt der Intraday-Markt ins Spiel.
Intraday-Handel korrigiert Prognosefehler
Der Intraday-Handel findet näher am tatsächlichen Lieferzeitpunkt statt.
Marktteilnehmer können dort Positionen anpassen, die auf den Planungen des Vortages beruhen.
Ein vereinfachtes Beispiel:
Ein Energieunternehmen hat am Vortag eine bestimmte Menge Strom beschafft. Einige Stunden vor der Lieferung zeigt sich jedoch, dass seine Kunden voraussichtlich mehr verbrauchen werden als angenommen.
Das Unternehmen benötigt zusätzliche Energie.
Umgekehrt kann ein Windpark mehr Strom produzieren als prognostiziert. Dann entsteht auf der Erzeugungsseite eine Abweichung.
Kurzfristige Märkte ermöglichen es, solche Unterschiede noch vor der tatsächlichen Lieferung wirtschaftlich auszugleichen.
Dadurch erhalten neue Informationen einen unmittelbaren Marktwert.
Je näher die Lieferung rückt, desto besser können bestimmte Entwicklungen prognostiziert werden. Gleichzeitig bleibt weniger Zeit, auf Abweichungen zu reagieren.
Viertelstunden werden zunehmend wichtiger
Der Strommarkt wird zeitlich immer feiner.
Historisch spielte die Betrachtung einzelner Stunden eine besonders große Rolle. Mit schwankender Stromerzeugung und präziseren Messsystemen werden jedoch kürzere Zeitabschnitte wichtiger.
Im Intraday-Handel existieren deshalb unter anderem Viertelstundenprodukte.
Das ist nachvollziehbar: Innerhalb einer Stunde kann sich das Verhältnis von Stromerzeugung und Verbrauch erheblich verändern.
Ein Gewitter kann kurzfristig die Solarproduktion reduzieren. Wind kann stärker oder schwächer werden. Gleichzeitig verändern sich Verbrauchsmuster.
Je präziser Marktteilnehmer diese Veränderungen abbilden können, desto genauer lassen sich Beschaffung und Lieferung aufeinander abstimmen.
Warum Strompreise negativ werden können
Besondere Aufmerksamkeit erhalten regelmäßig negative Börsenstrompreise.
Ein negativer Preis bedeutet vereinfacht, dass Verkäufer unter bestimmten Marktbedingungen bereit sind, für die Abnahme von Strom zu zahlen.
Das wirkt zunächst widersprüchlich.
Die Ursache liegt in Situationen, in denen sehr viel Erzeugung auf eine vergleichsweise geringe Nachfrage trifft und nicht alle Anlagen ihre Produktion kurzfristig ohne Kosten oder andere Nachteile reduzieren können.
Stromerzeuger reagieren unterschiedlich auf Preise. Manche Anlagen lassen sich flexibel herunterfahren, andere weniger schnell oder nur mit zusätzlichem Aufwand.
Gleichzeitig können hohe Einspeisungen aus Wind- und Photovoltaikanlagen das Angebot erhöhen.
Reicht die Nachfrage in solchen Situationen nicht aus, kann der Börsenpreis unter null sinken.
Negative Preise bedeuten allerdings nicht, dass jeder Haushalt automatisch Geld für seinen Stromverbrauch erhält.
Börsenpreis und Haushaltsstrompreis sind zwei verschiedene Dinge
Der Großhandelspreis ist nur ein Bestandteil des Endkundenpreises.
Auf einer Stromrechnung finden sich weitere Kostenbestandteile. Dazu gehören je nach Tarif unter anderem Netzentgelte, Steuern, Abgaben beziehungsweise Umlagen sowie Vertriebskosten und die Marge des Lieferanten.
Bei einem klassischen Stromtarif mit festem Arbeitspreis werden kurzfristige Börsenschwankungen deshalb nicht unmittelbar von Stunde zu Stunde an den Haushalt weitergegeben.
Der Energieversorger beschafft Strom vielmehr nach seiner eigenen Einkaufsstrategie und kalkuliert daraus seine Tarife.
Dynamische Stromtarife funktionieren anders.
Dynamische Tarife machen Börsenschwankungen sichtbarer
Bei dynamischen Stromverträgen orientiert sich der Arbeitspreis an kurzfristigen Börsenpreisen und kann sich entsprechend verändern.
Damit werden Schwankungen, die früher vor allem für Energiehändler und Versorger relevant waren, auch für private Verbraucher sichtbarer.
Wer seinen Verbrauch zeitlich verschieben kann, erhält theoretisch die Möglichkeit, stärker von günstigen Zeitfenstern zu profitieren.
Das kann beispielsweise bei steuerbaren größeren Verbrauchern interessant sein, etwa bei Elektroautos, Wärmepumpen oder Batteriespeichern.
Der Effekt hängt jedoch stark vom individuellen Verbrauchsprofil ab.
Ein Haushalt, dessen Stromverbrauch kaum verschoben werden kann, besitzt deutlich weniger Spielraum.
Zudem bleibt zu berücksichtigen, dass ein niedriger Börsenpreis nicht gleichbedeutend mit einem identisch niedrigen gesamten Strompreis ist. Andere Preisbestandteile bleiben bestehen.
Ein intelligentes Messsystem schafft die technische Grundlage
Damit ein Stromverbrauch zeitabhängig abgerechnet werden kann, muss bekannt sein, wann die Energie tatsächlich verbraucht wurde.
Ein klassischer Zähler, der lediglich einen kumulierten Jahresverbrauch anzeigt, reicht dafür nicht aus.
Für dynamische Tarife wird deshalb ein intelligentes Messsystem benötigt, das Verbrauchswerte zeitlich differenziert erfassen und übermitteln kann.
Damit entsteht die technische Verbindung zwischen kurzfristigem Marktpreis und tatsächlichem Verbrauch.
Erst dadurch lässt sich beispielsweise feststellen, welcher Stromverbrauch während eines günstigen oder teuren Zeitintervalls stattgefunden hat.
Hohe Preise sind ebenfalls ein Marktsignal
So wie ein sehr großes Angebot zu niedrigen oder negativen Preisen führen kann, können Knappheitssituationen hohe Preise verursachen.
Das kann beispielsweise auftreten, wenn die Nachfrage hoch ist und gleichzeitig wenig Wind- und Solarstrom verfügbar ist.
Fallen zusätzlich Kraftwerke oder Übertragungskapazitäten aus, kann sich die Situation verschärfen.
Hohe kurzfristige Preise erfüllen dabei eine wirtschaftliche Funktion. Sie signalisieren, dass Strom zu diesem Zeitpunkt besonders knapp beziehungsweise zusätzliche Erzeugung wertvoll ist.
Flexible Kraftwerke, Speicher und steuerbare Verbraucher können auf solche Preissignale reagieren.
Je flexibler ein Stromsystem wird, desto wichtiger können diese kurzfristigen Signale werden.
Speicher verändern die zeitliche Verteilung
Batteriespeicher können Energie zu Zeiten niedriger Preise aufnehmen und später wieder abgeben.
Damit reagieren sie genau auf die zeitlichen Unterschiede, die am Spotmarkt entstehen.
Auch Pumpspeicherkraftwerke arbeiten grundsätzlich nach diesem Prinzip: Bei geeigneten Bedingungen wird Wasser in ein höher gelegenes Reservoir gepumpt. Bei späterem Strombedarf kann das Wasser über Turbinen wieder Strom erzeugen.
Speicher beseitigen Preisschwankungen nicht vollständig. Sie können aber dazu beitragen, Energie zeitlich zu verschieben und damit extreme Unterschiede zu reduzieren.
Mit wachsender Bedeutung von Wind- und Solarenergie steigt deshalb auch das Interesse an flexiblen Verbrauchern und Speichern.
Strompreise erzählen etwas über das gesamte System
Kurzfristige Börsenpreise sind mehr als Zahlen auf einem Handelsbildschirm.
Sie spiegeln wider, wie Stromerzeugung, Nachfrage, Wetter, Kraftwerksverfügbarkeit, Netzsituation und Erwartungen der Marktteilnehmer zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammenwirken.
Ein niedriger Preis kann auf ein großes Angebot treffen. Ein hoher Preis kann Knappheit anzeigen. Ein negativer Preis zeigt eine Situation, in der kurzfristig mehr Strom angeboten wird, als zu positiven Preisen abgenommen werden kann.
Deshalb verändert sich der Strompreis im Tagesverlauf teilweise erheblich.
Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und der zunehmenden Digitalisierung des Stromverbrauchs werden diese zeitlichen Unterschiede auch außerhalb des professionellen Energiehandels sichtbarer.
Der Spotmarkt wird dadurch nicht einfacher. Aber seine Bedeutung lässt sich auf einen grundlegenden Zusammenhang reduzieren: Elektrische Energie muss genau dann verfügbar sein, wenn sie gebraucht wird. Der kurzfristige Handel setzt einen Preis darauf, wie einfach oder schwierig dieses Gleichgewicht in einem bestimmten Zeitfenster zu erreichen ist.








